Über das Buch

Dies ist der zweite Krimi in der Reihe Zuger Krimi mit Tabea Stocker und ihrem Team bei der Zuger Kantonspolizei.
Es ist Winter in Zug. Oben an der Lorzentobelbrücke steht ein Auto im Schnee. Die Kantonspolizei findet den Besitzer des Wagens tot im Tal der Lorze. Wenige Tage vorher wird ein wertvolles Bild aus einer Villa gestohlen. Oberleutnant Tabea Stocker vermutet einen Zusammenhang. Ihre Ermittlungen führen sie in die Zuger Kunstszene.

Leseprobe

Kapitel 3

„Oh, Näi!“ Tabea Stocker schlug auf ihren Wecker ein, der unablässig klingelte. Erst als sie merkte, dass dieser nicht reagierte, wurde ihr klar, dass es ihr Natel war, das auf dem Nachttisch läutete. Missmutig griff sie danach.

„Tabea, mach dich auf die Socken, subito. Wir haben einen Toten an der Lorze unter der Lorzentobelbrücke. Die Spusi ist schon unterwegs.“ Das war Hauptmann Nikolas Rogenmoser, ihr Chef bei der Zuger Polizei.

„Ja, ja, ich komme“, bestätigte sie kurz angebunden und legte auf. Was für ein Erwachen am Montagmorgen! Das Display auf ihrem Handy zeigte die Zeit an. Es war viertel nach fünf.

„Na super, können die Leute die Leichen nicht erst ab acht Uhr finden?“, nuschelte sie in die gemütlich warme Bettdecke. Ihr Blick fiel auf Andreja, der neben ihr tief und fest schlief. , wie süss, dachte sie. Im Schlaf wirkte ihr stattlicher Freund verletzlich. Nur mit Mühe trennte sie sich von dem schönen Anblick. Sie küsste ihn ganz vorsichtig auf die Stirn und stieg langsam aus dem Bett. „Subito, subito, nicht mit mir“, flüsterte sie vor sich hin. „Ich brauch meine Zeit, sonst läuft da gar nichts. Und überhaupt: Der Tote wird schon nicht weglaufen.“

Sie warf die Kaffeemaschine an und ging kurz unter die Dusche. Noch während sie sich abtrocknete, steckte sie ein Stück Toastbrot in den Toaster und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Eine Viertelstunde später sass sie neben ihrem Kollegen Beat Iten, der geduldig im Polizeiwagen auf sie gewartet hatte.

Guete Morge, Tabea. Au scho usgschlafe?“

Tabea Stocker meinte, einen ironischen Unterton gehört zu haben.

Schneller isch es nöd gange. Jetzt fahr scho los.“

Obwohl es noch dunkel und sehr kalt war, wuselten schon eine ganze Menge Leute am Ufer der Lorze herum. Es hatte geschneit in der Nacht und es musste Mühe gemacht haben, das kleine Zelt aufzustellen, in dem sich schon ein paar Polizisten einen heissen Kaffee genehmigten. Auch eine Absperrung war bereits angebracht. Tabea Stocker konnte sich zwar nicht vorstellen, dass um diese Zeit und bei diesem Wetter irgendein Mensch hätte dort herumlaufen wollen, aber es war nun einmal eine Massnahme, die man nicht einfach auslassen durfte. Sie ging auf die Absperrung zu, hob das Polizeiband an und näherte sich der Leiche.

„Aha, Tabea! Wird aber auch Zeit.“ Vivianne Betschart vom forensischen Team stand in ihrem weissen Schutzanzug neben der Leiche und schaute sie vorwurfsvoll an.

„Es ist saukalt, und ich bin schon seit einer halben Stunde fertig mit der vorläufigen Untersuchung der Leiche.“

„Und, was haben wir?“, wollte Tabea Stocker unbeeindruckt wissen.

„Eine männliche Leiche. Alter etwa 40 Jahre. Er ist wahrscheinlich die Böschung bei der Brücke oben heruntergestürzt. Er hat entsprechende Verletzungen. Sein Kopf ist auf der linken Seite verletzt und er hatte starke Blutungen. Wir haben den Felsbrocken schon entdeckt, wo er aufgeschlagen ist. Er ist entsprechend mit Blut verschmiert. Die genaue Todesursache kann ich erst feststellen, wenn wir ihn untersucht haben.“ Vivianne Betschart machte eine kleine Pause. „So, und das möchte ich jetzt möglichst schnell tun, damit ich endlich hier aus der Kälte komme.“

Tabea Stocker kniete sich neben dem Toten nieder und schaute ihn sich unter dem Scheinwerferlicht, das die Kollegen installiert hatten, genau an. Der Kopf sah übel aus, aber es gab weder Stichwunden noch Schussverletzungen, und auch Hinweise auf eine Erdrosselung konnte man auf den ersten Blick nicht erkennen. Der Mann war in einen teuer aussehenden Wollmantel gekleidet, unter dem er einen ebenso teuren Anzug trug. An seinem zierlichen Handgelenk entdeckte Tabea Stocker eine goldene Uhr von IWC, und am Finger der anderen Hand glänzte ein breiter, silberner Ring. Der Mann war mittelgross und schlank. Sie liess den Blick am Körper entlang nach unten gleiten, wo sie schwarze, handgenähte Winterschuhe erblickte.

„Weiss man schon etwas über seine Identität?“ Tabea Stocker blickte zu ihren Kollegen auf.

„Ja, er trug einen Ausweis, ein Handy und ein Portemonnaie bei sich“, meinte ein junger Polizist, den Tabea Stocker nicht kannte. Sie schaute ihn fragend an.

„Er heisst Frederic Lüthy und wohnt hier in Zug, in der Fadenstrasse.“

„Gut, dann bringen Sie die Sachen in die forensische Abteilung. Gibt es sonst noch etwas? Habt ihr das Gebiet abgesucht?“ Tabea Stocker blickte in die Runde.

„Nach was sollten wir denn suchen?“, fragte eine Stimme aus dem Dunkeln, die ihr bekannt vorkam. Als er etwas vortrat, erkannte sie Lukas Möhlin, den Kollegen von Vivianne Betschart. Möhlin war jünger als Tabea Stocker und manchmal ein wenig frech, fand sie.

Da sie nicht antwortete, fügte er hinzu:

„Das war ironisch, Tabea. Hier unten haben wir bisher nichts Auffälliges gefunden. Oben an der Brücke steht ein Wagen. Einem Frühaufsteher kam das seltsam vor und er hat die Polizei alarmiert. Wir konnten an dem Wagen nichts Besonderes finden und sind dann erst einmal hierher gekommen. Es wäre nicht der erste Selbstmörder, der von da oben herunterspringt. Den Wagen werden wir jetzt nochmal genauer unter die Lupe nehmen.“

Stocker schaute nach oben. Sie konnte ein helles Auto sehen, das sehr nah am Abhang parkiert war.

„Super“, erwiderte sie. „Da gehe ich doch gleich mal mit. Habt ihr den Frühaufsteher schon in die Dienststelle bestellt?“

„Ja“, meinte ein anderer Kollege im Hintergrund. „Der wartet dort schon eine Weile.“

Das klang wie ein Vorwurf an Stockers spätes Auftauchen. Sie ignorierte ihn.

„Vivianne, dann will ich dich mal nicht länger frieren lassen. Ihr könnt den Leichnam jetzt mitnehmen“, meinte Stocker. Als Antwort hörte sie nur ein Grummeln von Vivianne Betschart.

Dann schaute sie sich nach Beat Iten um. Er stand hinten bei dem kleinen Zelt und hielt einen Becher Kaffee in der Hand.

„Beat, auf, wir fahren hoch auf die Lorzentobelbrücke.“