Über das Buch
„Versöhnung ist schwierig, solange es kein Zeichen der Reue gibt.“ Laila Alkhafaji
Versöhnen statt vergessen: Wie lange kann ein Verbrechen, dem Zehntausende zum Opfer fielen, die Nachkommen belasten? Solange niemand für Gerechtigkeit sorgt.
Hannah El-Hitami
Der Inhalt
Tarek, ein junger jesidischer Kurde aus dem Irak, geht Ende der 70er Jahre nach Deutschland, um Heilung zu finden von einem traumatischen Erlebnis, das ihm immer wieder starke Kopfschmerzen bereitet und ihn nicht mehr auf seinen geplanten Lebensweg zurückfinden lässt. Gerade als er in Renate seine große Liebe findet und Hoffnung schöpft, trifft er auf seinen damaligen Peiniger. Er glaubt, erst wenn dieser bereut und sich bei ihm entschuldigt, kann seine Heilung herbeigeführt werden. Aber wird ihm das gelingen? Immer wieder hin- und hergerissen, muss er sich entscheiden, entweder auf die Entschuldigung zu verzichten und ein glückliches Familienleben zu führen oder nicht locker zu lassen und dafür zu riskieren, sich von seiner Familie zu entfremden.

Leseprobe
Kapitel 1
Jetzt fängt es an. Endlich der Anfang. Zuerst hatte ich es gespürt, es gab noch gar keinen Anlass. Einfach ein Gefühl in mir. Tief drinnen.
Gut, wir hatten auch darüber gesprochen am Mensatisch: Kund, Can, Saman und ich. Vor uns klebrige Spiralnudeln mit Tomatensauce und etwas Käse. Es war schon eine Weile nach Mittag und nur noch wenige Studierende befanden sich in dem modernen, funktionalen Raum aus Glas und Beton. Sie sagten: „Tarek, du musst ankommen.“ Aber das war es nicht. Noch nicht.
Ich stand auf, um mir noch einen Tee zu holen. Obwohl er eigentlich scheußlich schmeckte, dieser wässrige, lauwarme Tee in der Mensa. In der kurzen Schlange vor mir stand eine Studentin, die offensichtlich zu viel auf ihr Tablett geladen hatte und jetzt nach mehr Geld in ihrer Tasche kramte. Mein Tee würde kalt sein, bis ich wieder am Tisch bin. Ungeduldig fing ich an mich zu räuspern. Sie blickte mir plötzlich wütend direkt ins Gesicht. Aber hinter diesen blitzenden Augen sah ich etwas: Der Anfang – hier war endlich der Anfang.
Der Ausdruck in meinem Gesicht musste sie ein wenig aus der Fassung gebracht haben. Die Wut wich einer Verwirrtheit, die von der Kassiererin unterbrochen wurde: „Was is nu mit den neun fuffzich?“ Auf den Kopf gefallen war sie nicht:“ Na, was wird wohl mit ihnen sein? Verstecken sich noch immer in meiner Geldbörse.“ Dann ging sie wieder daran, ihr Portemonnaie aus ihrer Tasche zu fischen und es gelang ihr schliesslich, die Waren zu bezahlen. Mich schien sie derweil bereits wieder vergessen zu haben. Sie nahm ihr Tablett und ging zügig auf einen Tisch zu, an dem eine andere junge Frau auf sie wartete. Ich bezahlte und kehrte mit meinem lauwarmen Getränk an den Tisch meiner Freunde zurück.
„Was war denn das eben?“, fragte Can. „Keine Ahnung, von was du redest“, antwortete ich und widmete mich meinem Tee. Aber auch die anderen hatten offenbar bemerkt, dass etwas an der Essensausgabe vorgefallen war. Saman feixte:“He, Mann, willst du die beiden Mädels nicht zu uns an den Tisch einladen?“ Ich antwortete mit einem herablassenden Blick. Als ob ich so etwas in der Lage und Willens wäre zu tun. „Du kannst ja gehen, wenn du hier jemand aufreißen willst, aber mich lass in Ruhe.“ Die anderen lachten. Eigentlich wäre ich nur zu gerne hingegangen und hätte das Mädchen zumindest angesprochen, aber ich hatte nicht den Mumm. Ich wäre mir blöd vorgekommen. Es war zu grob. Stillos. So sollte der Anfang nicht beginnen. Aber wie dann?
Als wir die Mensa verließen, schaute ich noch einmal zu dem Tisch, an dem die Mädchen saßen, aber niemand erwiderte meinen Blick. Auch gut so, tröstete ich mich. Sie war noch so jung, vielleicht zweiundzwanzig, dreiundzwanzig und vielleicht im 4. oder 5. Semester. Ich war schon zweiunddreißig und konnte mich bisher noch nicht aufraffen, mich einzuschreiben. Was sollte dieses Mädchen mit jemandem wie mir? Ich drehte mich um zu den anderen und verließ das Gebäude. Draußen wehte ein frischer Wind aus Osten. Der Himmel war wolkenlos und fast so blau wie bei uns zu Hause. Ich war jetzt schon zwei Jahre in Deutschland. Ein Therapieversuch folgte dem anderen. Medizinische Untersuchungen, psychologische Behandlungen, medikamentöse Versuche. Nichts war wirklich erfolgreich. Ich hatte es langsam satt. Das Sommersemester ging dem Ende zu und bald war wieder Gelegenheit sich zu immatrikulieren. Ich sollte mir einen Ruck geben. Mich entscheiden, was ich tun wollte. Die anderen studierten bereits im dritten und vierten Semester. Wirtschaft, Recht und Architektur.
Aber das war alles nichts für mich. Eigentlich wollte ich gar nicht studieren. Ich war hierher gekommen, um gesund zu werden. Ich fühlte mich zwar noch nicht gesund. Meiner Familie ohne etwas zu tun auf der Tasche zu liegen, gefiel mir allerdings auch nicht. Ich musste etwas tun. Ich musste endlich anfangen. Anfangen: aber was?
„Kommst du morgen Abend auch zu Kati?“, fragte mich Kund. „Mal sehen, wie ich mich fühle. Ist ja doch immer das Gleiche.“ „Nun hör schon auf, immer so rumzumaulen, Tarek. Schau dich doch mal an. Du hast schon Falten im Gesicht wie mein Alter. Cheer up, man! Du nervst.“ Die anderen pflichteten ihm bei und so ging ich wortlos neben ihnen her zurück in die Wohnung in der Wilhelmstrasse, die ich mich Kund teilte. Die anderen setzten sich noch in die Küche und diskutierten irgendetwas. Aber ich zog mich in mein 12 m2-Zimmer zurück, legte mich auf mein Bett und starrte an die Decke. Ganz so schlecht drauf, wie die anderen sagten, fühlte ich mich gar nicht. Ich hatte ein gutes Gefühl und das lag auch daran, dass ich an der Decke ihr Gesicht sehen konnte. Es war voller Energie. Die wachen, grüngrauen Augen sprühten vor Witz und Lebenslust. Ihr Mund immer bereit, Widerworte zu geben. Aber es war keine Spur von Boshaftigkeit dabei. Keine Aggression in den Mundwinkeln. Eher eine Bereitschaft gleich wieder zu lachen und fröhlich zu sein. Sie war wohl eher jemand, der sich zu wehren wusste, sich nichts gefallen liess, aber im Grunde ihres Herzens ein liebevoller Mensch. Etwas an ihr berührte mich. Sie war noch nicht weg und sie würde noch lange bei mir bleiben. Daran glaubte ich fest. Sie war der Anfang, den ich brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen.